3. Verbundtreffen an der Universität Kassel – 11.06 und 12.06.2019

(v. l.) Jana Breßler, Julia Wigger, Jannik Noeske, Wiebke Reinert, Max Welch Guerra, Sarah Day, Caroline Kauert, Harald Kegler, Holger Schmidt, Detlef Kurth, Harald Engler, Sven Kröber, Thomas Fischer, Frank Peter Jäger, Foto: Stadt-Wende Kolletiv, CC-BY-NC-SA 4.0.

Die Lösung der „Wohnungsfrage“

Mit dem Einstieg in die konkrete Forschungsarbeit haben alle beteiligten Partner eine Anschauung von Dimension und Vielschichtigkeit des Forschungsthema Stadt-Wende gewonnen. Dies spiegelten die lebhaften Diskussionen während der zwei Tage, an denen die 15 Forscher*innen und Hochschullehrer der drei beteiligten Universitäten und des IRS Erkner an der Uni Kassel in Klausur gegangen waren. Die Wende zeitigte in fast allen Städten der DDR einen radikalen Städtebaulichen Kurswechsel. An dieser Dynamik , bei der das Dreiecksverhältnis von Planer*innen, Stadtgesellschaft und Staat im Fokus steht, ergeben sich ausgeprägte Analogien zur aktuellen Debatten um Beteiligungsverfahren, Partizipation, „Recht-auf-Stadt“ und gegen offizielle Planungen aufbegehrende Bürger*innen.

Einen für alle Beteiligten wertvollen Beitrag bildete der gemeinsam von Gastgeber Harald Kegler (Universität Kassel) und Holger Schmidt (TU Kaiserslautern) gehaltene Vortrag zur DDR-Wohnungsbaupolitik und ihren Konsequenzen für die Stadterneuerung des Landes. Die in den 1960er Jahren vom Politbüro getroffene Entscheidung, die „Wohnungsfrage“ in der DDR durch Konzentration auf die industrielle Bauweise, also Methoden des modularen Bauens zu lösen, erwiesen sich als fatale Weichenstellung des DDR-Städtebaus;  denn fortan wurden fast alle ökonomischen Ressourcen in den Plattenbau gelenkt.

Zugleich war die Baupolitik auf Ebene der Staatsführung stark von der Fixierung auf quantitative Kennzahlen bestimmt, dagegen kaum von qualitativen, die Gesamtstadt betrachtenden Gesichtspunkten. Max Welch Guerra (Weimar) sieht im DDR-Städtebau „das paradigmatische Beispiel einer konsequent zu Ende gedachten Moderne, für Fordismus im Städtebau“. Während die Erzeugnisse der Plattenbau-Werke von den Wohnungsbaukombinaten an den Rändern der Städte zu satellitenartigen Siedlungen gruppiert wurden, verfielen die Kernstädte immer mehr. Die DDR hatte kein Rezept für den Bestand. Wo sich Planer dennoch für diesen stark machten, erreichten sie ihre Ziele nur unter Schwierigkeiten oder auf Umwegen. Die Ausführungen von Kegler und Schmidt, beide selbst in den frühen 1980er Jahren an der HAB Weimar als Planer*innen ausgebildet, machten die so konfliktträchtige wie ambivalente Position ihres Berufsstandes in der DDR lebendig. 

Thomas Fischer bei der Dokumentation, Foto: Stadt-Wende Kollektiv, CC-BY-NC-SA 4.0.

Planer*innen in Opposition zum Planungssystem

Neben dem Wissenstransfer und den daran anknüpfenden Fragen und Diskussionen stellten die jeweils zuständigen Wissenschaftler*innen den Arbeitstand ihrer Forschungspakete sowie – teils – der daran anknüpfenden Promotionsvorhaben vor.
Dabei entpuppten sich teils auch die Begrifflichkeiten als Herausforderung, etwa jener des „Altstadtverfalls“, der ja ein zentrales Thema des Forschungsprojektes darstellt. So bestand in der DDR ein spezifisches Stufensystem für die Bewertung eines Gebäudezustands; es dominierten technoide Begriffe wie „Verschleiß“ und „Restnutzungsdauer“.
Neben dem formellen und informellen West-Ost-Fachaustausch wird in den Teilaufgaben des Projekts beispielsweise die Bedeutung des nationalen Fachdiskurses am Beispiel der Fachzeitschrift „Architektur der DDR“ betrachtet. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Bürger*innenkomitees und Initiativen, die in der Spätphase der DDR gegen die Städtebaupolitik ihres Staates opponierten – und dabei das Feld bereiteten für den radikalen städtebaulichen Paradigmenwechsel ab Spätherbst 1989.

Vorstellung der Arbeitspakete – Referentin Julia Wigger, Foto: Stadt-Wende Kolletiv, CC-BY-NC-SA 4.0.

Prioritäre Untersuchungsstädte
Schon die bisher geführten Interviews mit Zeitzeug*innen stützen dabei eine Ausgangsthese des Forschungsprojektes:  Dass sich Planer*innen der bezirklichen und städtischen Planungsbüros und kritische Stadtöffentlichkeit zwar im Prinzip als Kontrahenten gegenüber standen, faktisch jedoch vielerorts informell kooperierten oder Planer*innen „nach Feierabend“ selbst aktiv an stadterhaltenden Engagements mitwirkten. 

Mit Blick auf die spätere Auswahl von Modellorten, die vertiefend betrachtet und untersucht werden, stellten die Partner*innen des  Forschungsprojektes eine Städteliste zusammen und stimmten anschließend über die themenspezifische Priorität der aufgelisteten Städte ab. Da mit mehreren Stimmen befürwortet, dürfen die Städte Ost-Berlin, Halle, Erfurt, Greifswald und Weimar als gesetzt gelten. Auch Leipzig, Potsdam, Brandenburg und Görlitz sowie die Lutherstadt Wittenberg scheinen besonders vielversprechend.

Letztes wesentliches Thema des zweiten Tags war die Medien- und Öffentlichkeitsarbeit. Es bestand Einigkeit, dass der im Herbst bevorstehende 30-jährige Jahrestag der Wende ein guter Anknüpfungspunkt aktiver Öffentlichkeitarbeit zum Projekt sei.

Text: Frank Peter Jäger/19-07-15

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