Ankündigung Presseauftritt 21.10.2019

Medieneinladung

1989: Friedliche Revolution in der Stadterneuerung und das Ende der Abrisspolitik – Aktuelle Forschungserkenntnisse


Die Bewahrung hochrangiger Baudenkmale und Ensembles in Ostdeutschland, oft buchstäblich in letzter Minute, ist eine Erfolgsgeschichte der deutschen Einheit, die auch Einheits-Skeptiker nicht in Frage stellen. Doch wer organisierte binnen weniger Wochen die Soforthilfe zur Rettung der historischen Innenstädte? Wie gelangte der Währungs-umtausch der Grenzgänger in die Fonds baulicher Soforthilfe? Warum waren Stralsund, Meißen, Halberstadt, Weimar und Brandenburg die ersten Städte, die Sanierungsmittel erhielten?


Neuere Forschungen belegen, dass engagierten Bürger, aber auch Architektinnen und Stadtplaner der DDR die entscheidenden Impulse für den radikalen Kurswechsel der Städtebaupolitik gaben. Erst sie ermöglichten, dass die Soforthilfe-Programme des Bundesbaumministeriums auch zielgerichtet umgesetzt werden konnten.
Die Oderberger Straße am Prenzlauer Berg steht exemplarisch für eine durch mutiges Bürgerengagement abgewendete Abbruch-Planung der späten DDR.


Mediengespräch zum Forschungsprojekt Stadt-Wende in der DDR

21. Oktober 2019, 18 Uhr im Nachbarschafthaus Hirschhof, Oderberger Straße 19 (im Hof)
Teilnehmer des Gesprächs sind
Dorothee Dubrau, Bürgermeisterin und Beigeordnete Stadtentwicklung und Bau der Stadt Leipzig; nach Architekturstudium tätig u.a. als Stadtplanerin im Büro für Städtebau in Ost-Berlin. 1988-1990 u.a. Sprecherin der Bürgerinitiative Luisenstadt; 1990-1996 Bezirksstadträtin für Bauen und Wohnen in Berlin Mitte, 1996-2000 Stadträtin für Stadtentwicklung in Prenzlauer Berg


Matthias Klipp, freiberuflich tätig als Stadtentwicklungsexperte und als Berater; Ingenieursstudium in Berlin; tätig im Wohngebietsausschuss (WBA) Oderberger Straße ab 1986, Unabhängiger Kandidat des WBA zur DDR-Kommunalwahl 1989, Neues Forum, Runder Tisch der Bürgerinitiativen 1989/1990, Gründung IBIS-Institut beim DDR Bauministerium; 1990-1996 Baustadtrat in Prenzlauer Berg; 1999-2005 Geschäftsführer STERN; 2009-2015 Baudezernent in Potsdam


Ulf Heitmann, Vorstandsmitglied der Wohnungsbaugenossenschaft „Bremer Höhe“ eG; Studium der Rechtswissenschaft; 1990 Vertreter d. Bürgerinitiativen am Runden Tisch des DDR-Bauministeriums; seit 1990 Rechtsanwalt; 1991-2000 u.a. Projektleiter der I.B.I.S. Bürgerberatungsgesellschaft für Stadterneuerung mbH, 1993-1999 im Aufsichtsrat der Genossenschaft SelbstBau“ e. G.

Prof. Dr.-Ing. Holger Schmidt, TU Kaiserslautern (Leiter des Forschungsprojektes Stadt-Wende); Studium der Stadtplanung in Weimar, 1989 Promotion, 1991 bis 2000 Leiter der Akademie und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stiftung Bauhaus in Dessau, ab 2000 eigenes Stadtplanungsbüro in Dessau, seit 2009 Professur für Stadtumbau + Ortserneuerung an der TU Kaiserslautern.

Dr. Harald Engler, Historiker, Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) Erkner; Stellv. Leiter Historische Forschungsstelle im IRS; studierte Geschichte und Germanistik an der FU Berlin seit 2007, Forschungen und zahlreiche Veröffentlichungen zur Bau- und Planungsgeschichte der DDR.

Nach kurzer Vorstellung des Forschungsprojektes kommen Dorothee Dubrau, Ulf Heitmann und Matthias Klipp zu Wort. Sie haben als Teil der DDR-Opposition für eine andere Städtebau-Politik gekämpft und den demokratischen Neuanfang während und nach der Wende prägend mitgestaltet. Im Raum steht auch die Frage: Was lehren die damaligen Erfahrungen für die Gegenwart?


Kein West-Export: Behutsame Stadterneuerung
Für viele Altstädte und Altbauquartiere in der DDR war es 1989 fünf vor zwölf: Wenn nicht schon abgebrochen, hatten sie vielfach einen Verfallsgrad erreicht, der einen baldigen Abbruch nahezu unausweichlich erscheinen ließ. Die DDR-Baupolitik hatte über Jahrzehnte nahezu ihre gesamten Ressourcen auf die Plattenbautechnologie konzentriert. Zugleich war die Staatsführung nicht bereit, diese Mittel und Kräfte in nennenswertem Umfang in die Bestandserneuerung zu lenken.
So bedeutete die politische Wende von Herbst 1989 für viele Altstadtkerne und Gründerzeitquartiere eine Rettung in letzter Minute. Die unbürokratisch umgesetzten Programme der Städtebauförderung ließen in den Folgejahren zahlreiche Altbauquartiere in neuem Glanz erstrahlen – und damit die identitätsstiftende Mitte der Städte.
Anderseits war der katastrophale Zustand vieler Städte selbst ein Auslöser des politischen Umbruchs gewesen: Nicht wenige Bürger gingen auf die Straße, weil sie dem Verfall ihrer Stadt nicht weiter tatenlos zusehen mochten. Sie schlossen sich zusammen und wurden selbst aktiv.


Zeitzeugeninterviews
Das BMBF-Forschungsprojekt «Stadt-Wende» soll u.a. durch eine Vielzahl von Zeitzeugeninterviews die Bedeutung der DDR-Bürgerbewegung und der ostdeutschen Planer*innen für das Gelingen der ostdeutschen Stadterneuerung erforschen.
Schon der jetzige Kenntnisstand macht deutlich, dass der radikale städtebauliche Kurswechsel keineswegs ein bloßer West-Export war. Engagierte Bürger, Denkmalpfleger aber auch Architektinnen und Stadtplaner hatten sich in der DDR seit Beginn der 1980er Jahre anfangs verdeckt, später zunehmend offen und für Denkmalbauten und den Erhalt historischer Quartieren eingesetzt und die zerstörerische offizielle Städtebaupolitik angeprangert.
Neben Erfurt, Greifswald, Görlitz und Schwerin war ein bedeutsamer Ort dieser baupolitischen Opposition Berlin. Hier hatten sich in Mitte, aber auch am Prenzlauer Berg, gegen Ende der 1980er Jahre oppositionelle Kräfte formiert. Ein Zentrum dieser oppositionellen Bewegung war die gut vernetzte, aufmüpfige Bewohnerschaft der Oderberger Straße. Aus Planerkreisen hatten die Bewohner erfahren, dass ihre Häuser abgebrochen und durch Plattenbauten ersetzt werden sollten. Dagegen protestierte die unter dem Dach des offiziellen Wohngebietsausschusses agierende Gruppe bei der SED-Kreisleitung Berlin. Hier wie auch andernorts unterbreiteten die engagierten Bürger Alternativentwürfe zu den Abbruchplänen, die später vielfach zur offiziellen Planung wurden.
Innerhalb des Forschungsprojektes sollen diese Entwicklungen zum ersten Mal umfassend untersucht werden, wobei den Schlüsselakteuren der Bewegung gegen den Altstadtverfall ein besonderes Augenmerk gilt. Neben dieser Grundlagenforschung wird im Projekt großen Wert auf die Vermittlung in die heutige Öffentlichkeit gelegt. Neben einer umfassenden Website (www.stadtwende.de) sind eine Wanderausstellung, Filmdokumentationen sowie eine Buchveröffentlichung vorgesehen.


Verbundpartner Forschungsprojekt: Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) Erkner, Technische Universität Kaiserslautern, Bauhaus-Universität Weimar, Universität Kassel

Förderer: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
Laufzeit Forschungsprojekt: 01/2019 – 12/2022

Medienkontakt:
Technische Universität Kaiserslautern
Fachgebiet Stadtumbau + Ortserneuerung (Projektkoordination)
Herr Dr.-Ing. Thomas Fischer
Tel. + 49 (0)631 205-5148 sowie + 49 (0)179 6729 172
E-Mail: tfischer@rhrk.uni-kl.de

Oktober 9, 2019

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