Projektvorstellung

Quellen der Collage: Menschenkette: pict rider; Foto: Metilsteiner / CC BY-SA 3.0/ commons.wikimedia.org

Nachdem die historischen Innenstädte und ihre Bausubstanz in der DDR jahrzehntelang vernachlässigt worden waren, kam es in den Tagen nach der Mauereröffnung 1989 zu einem radikalen Kurswechsel der Städtebaupolitik in der DDR. Das Forschungsprojekt StadtWende untersucht die Vorgeschichte und Wirkung dieser Rettung der historischen Quartiere ostdeutscher Städte und Gemeinden. Ferner steht die Frage im Fokus, welche Rolle Bürgerinitiativen, aber auch die in den Städten tätigen Planer und Architekten und ihre Ausbildung für diese städtebauliche Erfolgsgeschichte hatten. Auch der Dialog zwischen Planern in Ost und West soll beleuchtet werden.
Damit verknüpft ist die These, dass die in einer Reihe von DDR-Städten schon vor der Wende tätigen Bürgerinitiativen gegen Abriss und für Stadterhaltung wesentliche Impulse gaben für die Entfaltung einer breiten Bürgerbewegungen und damit erheblich dazu betrugen, die politisch-gesellschaftlichen Wende von 1989 herbeizuführen.

Der Stadtverfall der DDR-Innenstädte war in den 1980er Jahren ein nicht mehr zu leugnendes und sichtbares Zeichen für den Niedergang der gesamten Gesellschaft. Die marode Bausubstanz, zunehmende Leerstände und großflächige Abrisse von historischer Bebauung zugunsten einer zentralistisch gesteuerten Neubebauung mit uniformen Plattenbauten wurde in den betroffenen Städten teilweise sehr kontrovers diskutiert. Es regte sich Widerstand gegen diese Art brachialer Stadtzerstörung.

Das Forschungsprojekt geht von der These aus, dass der zunehmende Stadtverfall vielerorts ein Auslöser für Bürgerproteste und damit auch für die friedliche Revolution im Herbst 1989 war. Beispielhaft dafür steht die Stadt Leipzig mit ihrem sichtbaren Leerstand und Zerfall, die sich zu einem Zentrum des Widerstands entwickelte. Die Proteste für eine andere und behutsame Stadtentwicklung wurden von einem breiten Spektrum an Akteuren offen oder verdeckt vorgetragen.

So gab es kritische und opponierende Stimmen von einzelnen engagierten Bürgern oder Bürgergruppen, die sich teilweise unter dem Dach der evangelischen Kirche versammelten und in unterschiedlicher Form gegen die Missstände angingen. Andere Gruppen schlüpften unter das Dach des offiziellen DDR-Kulturbundes und trugen ihre Kritik in Form von Eingaben vor oder kümmerten sich in freiwilliger Arbeit um abrissbedrohte Gebäude. Nur wenige dieser Aktivitäten sind bislang wissenschaftlich ausgewertet und zumeist als lokalhistorische Studien veröffentlicht worden. Nach unseren bisherigen Recherchen existierten in DDR-Städten mit dem Stichjahr 1989 insgesamt 72 zivilgesellschaftliche Gruppierungen gegen den Zerfall von Altstädten 1.

Auch das Institut für Denkmalpflege positionierte sich zunehmend gegen die praktizierte oder geplante Stadtzerstörung, ohne letztlich großflächig erfolgreich sein zu können, wie es die Dissertation von Keltsch 2 sehr eindrücklich nachweist. Kritik am Verfall des baulichen historischen Erbes gab es auch aus der kritischen Wissenschaft 3. Die fachlich fundierte Kritik verblieb jedoch in einem reinen Fachdiskurs mit den zuständigen Stellen der Bauakademie, dem Ministerium für Bauwesen oder den jeweiligen Ebenen in der Parteihierarchie der SED und fand nur auf informelle Weise Eingang in die Aktivitäten von Teilen der lokalen Bürgerbewegung und Bürgerinitiativen.

Und nicht zuletzt gab es in vielen Klein- und Mittelstädten jenseits der Schwerpunktstädte des DDR-Plattenbaus beherzte und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bauämtern und staatlichen Planungsbüros, die sich der Erhaltung „ihrer“ Altstädte verschrieben hatten und z.B. durch die gezielte Lenkung der raren Baukapazitäten auf die abrissbedrohte historische Bebauung dafür sorgten, dass diese langfristig erhalten werden konnte.

Die Kritik an der damaligen Stadtzerstörungspolitik in den DDR-Städten weist deutliche Gemeinsamkeiten mit der Diskussion über die Abkehr von der sogenannten Kahlschlagsanierung in den 1970er Jahren in der damaligen Bundesrepublik auf. Auch das Europäische Denkmalschutzjahr 1975 hatte weitreichende programmatische und gesetzliche Auswirkungen für eine erhaltende Erneuerungspolitik. Im Jahr 1975 hatten fünf der damals zwölf Bundesländer bereits Denkmalschutzgesetze erlassen, und auch die DDR erließ im Sommer 1975 ein sogenanntes Denkmalpflegegesetz, ohne allerdings die materiellen Voraussetzungen für eine erhaltende Denkmalpflege zu schaffen.

Die Diskussion über die Behutsamkeit der Stadterneuerung zwischen Stadterhalt und Stadtabriss in der damaligen Bundesrepublik mündeten 1983 beispielsweise in die 12 Grundsätze der behutsamen Stadterneuerung in Berlin(West) 4. Im Zuge der Internationalen Bauausstellung in Berlin-Kreuzberg 1987 konnten erste erfolgreiche Strategien einer behutsamen und bewohnerorientierten Stadterneuerung aufgezeigt werden. In (Ost-) Berlin wurde das 750. Stadtjubiläums medial begleitet von exemplarischen Erneuerungsprojekten im Stadtbezirk Prenzlauer Berg (behutsame Variante) und durch das im historisierenden Plattenbau-Stil neu errichtete Nikolaiviertel in der historischen Altstadt Berlins (radikale Variante).

So wurde Ende der 1980er Jahre in der DDR sowohl in zahlreichen Bürgerinitiativen, aber teilweise auch in der fachpolitischen Programmatik bereits eine behutsame Stadterneuerung vorbereitet, wenn auch i. d. R. die Ressourcen fehlten, um sie umzusetzen. Die unmittelbar nach der Wende einsetzende behutsame Erneuerung der ostdeutschen Innenstädte gilt als eine der größten gesamtdeutschen Erfolgsgeschichten 5 und wird seither in vielen Veröffentlichungen beschrieben. Bereits um die Jahreswende 1989/1990 fand ein intensiver Austausch von Fachkollegen und Ministerien statt, um die historische Bausubstanz zu retten.

Grundlage der Erneuerungswelle in fast allen ostdeutschen Städten waren passgenaue Städtebauförderprogramme mit einem erheblichen Mitteleinsatz für die behutsame Stadterneuerung sowie das rechtliche Instrumentarium der seit Sommer 1990 auf dem Gebiet der DDR eingeführten Bauplanungs- und Zulassungsverordnung (BauZVO) und des Baugesetzbuches (BauGB) nach der Deutschen Einheit. Es entstanden neue Förderprogramme wie „Städtebaulicher Denkmalschutz“ mit Fokus auf denkmalwerte Altstädte sowie neue Planungsinstrumente wie Städtebauliche Verträge und Integrierte Stadtentwicklungskonzepte, die wichtig für eine zügige und flexible Umsetzung waren und später auch im Westen Deutschlands erfolgreich angewendet wurden.

Diese regulatorischen Rahmensetzungen und Förderprogramme (Städtebaurecht und Städtebauförderung) wären jedoch ohne eine breite Akzeptanz und Unterstützung durch die Bevölkerung, bürgerschaftliche Gruppen oder handelnde Akteure in den städtischen Verwaltungen ins Leere gelaufen. Daraus ergibt sich die für das Verbundprojekt handlungsleitende Forschungsthese, dass die erfolgreiche Stadterhaltungs- und Stadterneuerungspolitik als deutsch-deutsches Gemeinschaftswerk ihre wesentliche Basis in den offenen oder verdeckten Protestbewegungen sowie in der kritischen Fachwissenschaft gegen die damalige Stadtzerstörungspolitik hatte.

Da das Thema des Projekts für die Identität der heutigen (ostdeutschen) Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist, soll dem Transfer der Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit in Form politischer Bildungsarbeit ein großes Gewicht beigemessen werden. Im Projektverbund wird deshalb mit diversen medialen Mitteln und Formaten die politische Bildungsarbeit akzentuiert. Dazu gehören die besagte interaktiv-mediale Karte der DDR, Interviews und Gespräche mit Zeitzeugen auf öffentlichen Veranstaltungen, eine gemeinsame Ringvorlesung, sowie zahlreiche Kooperationen: mit Multiplikatoren im Bereich der politischen Bildung (z.B. Stiftung Aufarbeitung), mit Vertreter/-innen der Initiativen selbst, mit den Städten und mit wichtigen Akteuren der dortigen Stadtplanungs- und Stadtgeschichteszene. Das Projekt kann so einen Beitrag zur inneren Verständigung ostdeutscher Stadtgesellschaften über ihre gemeinsame Geschichte und ihre freiheitlichen Impulse liefern.

Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Programm „Förderung von Forschungsvorhaben auf dem Gebiet der DDR-Forschung im Rahmenprogramm Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften“
Verbundpartner: TU Kaiserslautern, Universität Kassel, Bauhaus Universität Weimar, IRS Erkner
Verbund-Projektleitung: Prof. Dr.-Ing. Holger Schmidt (Universität Kaiserslautern)
Verbund-Geschäftsführung: Dr. Thomas Fischer (Universität Kaiserslautern)
Laufzeit: 1. Januar 2019 – 31.12.2022
Zielgruppe: Fachöffentlichkeit, Kommunen, interessierte Öffentlichkeit

Literaturnachweis   [ + ]