Ausstellung zur „Stadtwende“ in Stralsund eröffnet am 8. April

Welche Rolle spielten der Verfall der ostdeutschen Altstädte und ihre Erneuerung in der Wendezeit? Welche Formen des bürgerschaftlichen Engagements für den Erhalt von Altstädten und Denkmalen gab es schon in den späten 1980er-Jahren? Diesen Fragen gehen derzeit Forscherinnen und Forscher aus Weimar, Kaiserslautern, Kassel und Erkner bei Berlin nach.

Wende 1989/1990

Auch in Stralsund ist der Zusammenhang der „Stadtwende“ eindeutig. Im Dezember 1989, wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer, setzte sich der pensionierte Stadtarchivar Herbert Ewe für den Erhalt der Altstadt und eine neue Stadtentwicklungspolitik in Stralsund ein. Mit diesem Ziel konnte er viele andere überzeugen, sich ihm anzuschließen. Das von ihm getragene Engagement führte auch dazu, dass Stralsund im Frühjahr 1990 zu einer Modellstadt der Stadterneuerung auserkoren wurde – der Startschuss für die erfolgreiche Sanierung der Hansestadt in den vergangenen 30 Jahren. 2002 wurde das gemeinsame Engagement von Stadt und Zivilgesellschaft honoriert: Die UNESCO nahm Stralsund gemeinsam mit Wismar in die Welterbeliste auf. Die von Herbert Ewe gegründete Gruppe ist heute noch als Bürgerkomitee „Rettet die Altstadt Stralsund“ e.V. aktiv.

 

Sonderfall Stralsund

„Stralsund war immer schon ein Sonderfall“, resümiert Jannik Noeske, Stadtplaner und Wissenschaftler an der Bauhaus-Universität Weimar. „Schon in den 1950er-Jahren wurde hier über städtebauliche Denkmalpflege gesprochen, während in anderen Städten der großflächige Abriss der historischen Zentren vorbereitet wurde – übrigens auch in Westdeutschland.“ Noeske, der für die Bearbeitung des Stralsunder Ausstellungsteils verantwortlich zeichnet, hat vor allem lange Linien des Engagements in Stralsund ausgemacht: „Mit Käthe Rieck, der ehemaligen Direktorin des Kulturhistorischen Museums, und Herbert Ewe, Gründer des Bürgerkomitees, gab es zwei charismatische Persönlichkeiten, die sich über Jahrzehnte auch gegen politische Widerstände für die Altstadt einsetzten. Aber auch nach 1990 errang Stralsund eine privilegierte Stellung.“ Dazu gehört laut Noeske die bemerkenswerte Konstellation, dass die Kommune zur Hälfte am Stralsunder Sanierungsträger SES beteiligt ist, oder auch, dass die Bürgergruppe aus der Wendezeit noch heute aktiv ist. Das ist nur an wenigen Orten der Fall, wie die Forscherinnen und Forscher herausgefunden haben.

Ausstellung „Stadtwende“

Eine Ausstellung mit dem Titel „Stadtwende“ zeigt jetzt erstmals umfassend die Rolle von Bürgergruppen, die sich überall in der DDR zur Wendezeit gegründet hatten, um gegen den grassierenden Verfall und für eine erhaltende Stadtplanung einzutreten. Dazu gehörten nicht nur Initiativen wie das Bürgerkomitee in Stralsund, sondern vielfältige und kreative Formen des Engagements. Aktiv wurden zum Beispiel auch reformorientierte Fachleute oder Gruppen in Kulturinstitutionen wie dem Kulturbund der DDR. Geholfen hat es wenig, die Städte sind immer weiter verfallen. Die Ausstellung zeigt auch die bauwirtschaftlichen und stadtplanerischen Hintergründe der Altstadtpolitik der DDR und der Zeit nach der Deutschen Einheit.

Zu sehen ist die Ausstellung im Rahmen der Feierlichkeiten zu „20 Jahren Welterbe Stralsund und Wismar“ in der Kulturkirche St. Jakobi. Die Vernissage findet am 8. April 2022 um 17 Uhr statt. Gezeigt wird die Schau bis zum 29. Mai, bevor sie unter anderem nach Halle (Saale), Dessau und Weimar weiterreist. Öffnungszeiten der Kirche Montag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

 

Das Pressegespräch findet am 8. April um 11 Uhr in der Kulturkirche St. Jakobi statt.