Der „moralische Verschleiß“ eines Produktionsmittels (beispielsweise einer Fabrikationsmaschine) stellt nach Marx neben den üblichen Abnutzungserscheinungen – die unter materiellem oder physischem Verschleiß zusammengefasst werden – das Konzept einer technischen Überalterung dar:

„Neben dem materiellen unterliegt die Maschine aber auch einem sozusagen moralischen Verschleiß. Sie verliert Tauschwert im Maße, worin entweder Maschinen derselben Konstruktion wohlfeiler reproduziert werden können oder beßre Maschinen konkurrierend neben sie treten.“ [1]

Erstmals in der Literatur zu finden ist der Begriff des moralischen Verschleißes in Bezug auf Altbauten in einer Dissertation zur sozialistischen Umgestaltung von Altbauwohngebieten, allerdings beiläufig und eher rhetorisch als analytisch. [2] Erst mit den Reformen des sogenannten Neuen Ökonomisches Systems der Planung und Leitung, die unter Ulbricht seit dem Mauerbau schrittweise eingeführt wurden, konnten Betriebe den „moralischen Verschleiß“ ihrer Produktionsmittel volks- und betriebswirtschaftlich geltend machen. In diesem Sinne wurde die Vorstellung des moralischen Verschleißes ab 1964 in der UdSSR auch auf Wohnbauten angewendet. In einer durch das Moskauer Wohnungsbau-Institut „Moszhilprojekt“ durchgeführten Studie wurde eine Methodik zur Messung des moralischen Verschleißes entwickelt. [3] Die damit eingeführten, quantifizierbaren Faktoren für moralischen Verschleiß wurden in der DDR übernommen, allerdings nie in der durch die Autoren der Studie Babakin und Lavrenov entwickelten Konsequenz volkswirtschaftlich errechnet. Demnach gehören fehlende Wasserleitungen, ungünstige Wohnungsgrundrisse, fehlende Räume für Küchenausbauten oder überalterte Heizgeräte zum moralischen Verschleiß.

Die Vorstellung, dass Gebäude nach einer gewissen Anzahl von Jahren „moralisch verschlissen“ seien, steht in Zusammenhang mit dem Konzept der Überalterung, Lebensdauer oder Obsoleszenz: Demnach werden Gebäude, Quartiere und ganze Stadtteile als überaltert angesehen und für den Abriss vorgesehen. Diese Vorstellung prägte nicht nur kapitalistischen wie staatssozialistischen Städtebau in der Phase der Hochmoderne, sondern die DDR-Städtebaupolitik bis ins Jahr 1989. [4]

Es handelt sich ähnlich wie bei den Konzepten der intensiven und extensiven Stadtentwicklung und der komplexen Rekonstruktion um eine städtebauliche Ausprägung des rationalisierten und ökonomisierten Bauwesens in der DDR.

[1] Karl Marx-Friedrich Engels-Werke, Band 23, (1968): „Das Kapital“, Bd. I, Ost-Berlin, S. 426.

[2] Doehler, Peter (1961): Planungsgrundlagen zur sozialistischen Umgestaltung der Wohnbausubstanz von Altbauwohngebieten, insbesondere von Städten über 10.000 Einwohnern im Zeitraum von 1965-1981, Berlin, Dissertation an der Deutschen Bauakademie, S. 2.

[3] Teilweise übersetzt in: VEB Typenprojektierung bei der Deutschen Bauakademie (1966): Erhaltung und Modernisierung der Altbausubstanz. Stand und Vorschläge zur Entwicklung, Berlin, S. 52-57 (Anhang).

[4] Urban, Florian (2007): DDR Neo-Historisch. Geschichte aus Fertigteilen, Berlin, S. 69.

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